#augenhöhe aus Sicht eines Selbstständigen

Besonders spannend finde ich das Thema Augenhöhe in Bezug auf externe Dienstleister. Da ich mein Geld seit über 20 Jahren selbstständig verdiene, gehöre ich dazu. Leider war es für mich in der Vergangenheit hier oft genug schwierig: Auftraggeber scheinen gelegentlich ein allzu selbstherrliches Dienstleistungsverständnis zu haben (zugegeben, an der deutschen Service-Wüste ist was dran, aber es gibt definitiv Grenzen des guten Benehmens auf beiden Seiten!). Allein schon die Begrifflichkeiten „Auftraggeber“, „Auftragnehmer“ und „Dienst-Leister“ scheinen mir nicht geeignet, um eine halbwegs gleichberechtigte Beziehung herzustellen. Das Wesen der Selbstständigkeit – auf eigene Rechnung, eigene Risiko und ohne Weisungsbefugnis – verkommt mitunter zum verkappten Angestellten.

Warum geht ein Interessent (der also noch nicht einmal Kunde ist!) davon aus, dass der Dienstleister sofort, unverzüglich und selbstverständlich für ihn dazu sein hat. Oder ein früherer Kunde nach 2 Jahren absoluter Funkstille? Warum sollen Konzepte, Entwürfe und ganze Programmierungen vorab kostenfrei erstellt werden – mit der eher blassen Möhre vor den Augen? Warum schreibt mir ein Kunde vor, wann, wo und wie ich meine Arbeit zu machen habe? Wieso stimmen Auftraggeber – offensichtlich pro forma – einer agilen Arbeitsweise zu, nur um dann kurze Zeit später einseitig die Sprint-Planung zu „optimieren“ (sprich: deutlich zu verkürzen)? Und selbst in Projekten, die explizit ehrenamtlich, unentgeltlich und kooperativ durchgeführt werden, kommt es zu „Ansagen von oben“, die nicht diskutiert werden dürfen. Sehr schnell geht es dann auch um die üblichen Machtspiele: wer ist wichtiger, besser, stärker?

Einerseits akzeptieren viele Interessenten, dass die von ihnen gestellte Aufgabe noch nicht klar umrissen ist, die Anforderungen also nicht klar sind. Dennoch bestehen diese dann auf einem Fixpreis, der später nur schwer nachverhandelbar ist. Der Hinweis auf agile Methoden, kurze Sprints und schnell verfügbare Prototypen und jederzeit änderbare Anforderungen ist dann auch nicht zielführend, da der Kunde durchaus erkennt, dass eine gewisse Mitarbeit und Eigenleistung gefordert wird. Und das Controlling braucht eben einen solchen Fixpreis, das müsse man schon verstehen. Nein, tue ich nicht, das macht Arbeit und keinen, aber auch gar keinen Sinn. Jeder (aber wirklich jeder) gewürfelte Projektpreis war entweder zu hoch oder zu niedrig.

Und viel bequemer ist es doch, irgendwie vage Anforderungen in ein „Pflichtenheft“ zu schreiben, eine Ausschreibung zu machen und nach x Monaten irgendwas vom Dienstleister zurück zu bekommen. Wenn das dann – natürlich, wie sollte es! – nicht die Erwartungen erfüllt, wird eben Druck ausgeübt, oft auch finanziell. Auch das entspricht in keiner Weise meinem Verständnis von Augenhöhe und kann sogar erniedrigend für den Dienstleister sein, da er im Grunde die Erwartungen gar nicht erfüllen kann. Double-bind, ick hör‘ dir trapsen.

Das Projekt könnte – für beide Seiten! – so viel entspannter und erfolgreicher verlaufen, würde und könnte sich der Kunde nur auf die Projektmethodik einlassen.

Ich entwickle Software und unter anderem Apps. Allein in Apples Appstore gibt es derzeit weit über 2 Millionen(!) einzelne Apps. Da muss man schon sehr, sehr gute Argumente für die eigene App haben. Sehr viele Apps werden, wenn überhaupt, heruntergeladen und nur sehr kurz genutzt, oft nur genau einmal. Die Entwicklung einer App ist aber echte Software-Entwicklung, aufwändig und somit auch durchaus teuer. Da wäre es doch gut, wenn die Chancen gesteigert werden könnten, dass die Anwendung dann auch erfolgreich wird, oder?

Soweit stimmen dieser eigentlich eher rhetorischen Frage noch etliche Kunden zu. Unsere Antwort und Angebot dazu sieht so aus, dass wir uns die absolut notwendigen Kernfunktionen überlegen, die die App unbedingt benötigt, um überhaupt irgendwie sinnvoll zu sein. Diese setzen wir ziemlich schnell in Form eines ersten Prototypen um und stellen diesen in die App Stores, wir folgen hier also einem Lean Startup-Ansatz (MVP – minimum viable product). Das Feedback, dass wir nun hoffentlich von echten Nutzern erhalten, ist für uns der einzige Maßstab, die App weiterzuentwickeln, zu verändern oder auch einzustellen. Das Motto lautet: lieber weniger Zeit & Geld versenken und eine frühzeitige Entscheidung treffen, als 6, 12 oder noch mehr Monate im Ungewissen zu arbeiten. Meine Zeit ist sehr endlich, und ich möchte diese (nach verschiedenen Maßstäben) möglichst sinnvoll nutzen. Und mit Geld bin ich ohnehin nur eingeschränkt zu ködern.

Leider habe ich bisher noch keinen(!) Kunden erlebt, der sich auf diese Vorgehensweise wirklich voll eingelassen hätte. Oft kommen Aussagen wie: „Meine Nutzer kenne ich doch selbst wohl am Besten!“, oder: „Der Vorstand möchte das aber anders haben.“. Diskussionen sind meist zwecklos. Ja, könnt ihr schon so machen, aber dann bitte ohne mich, es gibt schon genügend schlechte und nicht benutzte Apps.

Ich möchte nicht falsch verstanden werden: Das ist alles nur ein Angebot, das selbstverständlich abgelehnt werden kann, ich zwinge niemanden zu gar nichts. Nur zum Schein jedoch darauf einzugehen und dann später nach Kräften (aktiv oder passiv – fast noch schlimmer) zu sabotieren, empfinde ich dagegen als wenig hilfreich.

So macht das mit der Augenhöhe also keinen Spass. Da ich mich – mehr oder weniger – von klassischen Karriere-Vorstellungen und hohen finanziellen Bedürfnissen verabschiedet habe, bin ich hier allerdings gedanklich einigermaßen frei und über die üblichen „Motivationsfaktoren“ nicht erpressbar beeinflussbar. Manchmal stelle ich dann Augenhöhe auf die harte Tour her und sage einen Auftrag oder ein Projekt auch wieder ab, da die Zusammenarbeit einfach nicht funktioniert. Schade, aber scheinbar ist das mit der Augenhöhe nicht für jeden geeignet.

Über Rückmeldungen und eine konstruktive Diskussion freue ich mich!

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